Das Geräusch draußen war kaum mehr als ein leises Knacken, aber es reichte aus, um Lila das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Ihr Blick flog zu Rafael, der angespannt am Fenster stand, die Schultern angespannt wie ein Raubtier, das seine Umgebung musterte.
„Jemand ist da draußen“, flüsterte er.
Lila spürte, wie ihr Herz raste. Die düstere Atmosphäre der alten Villa, die bis eben nur voller Erinnerungen gewirkt hatte, bekam plötzlich eine bedrohliche Schwere.
„Was machen wir jetzt?“ hauchte sie.
Rafael drehte sich zu ihr um, sein Blick entschlossen. „Wir müssen hier raus, aber unauffällig.“
Lila nickte, ihr Körper war wie unter Strom. Sie hörte das leise Knirschen von Kies, als ob jemand vorsichtig um das Haus schlich. Jemand, der genau wusste, dass sie hier waren.
***
Rafael deutete auf eine Tür auf der Rückseite des Hauses, halb verdeckt von altem Holz. Er schob sie vorsichtig auf, und die Scharniere knarrten leise. Draußen lag der Garten im Zwielicht, das dichte Gestrüpp bot ihnen Deckung.
„Schnell“ murmelte er und schob Lila nach draußen.
Sie krochen geduckt durch das hohe Gras, während hinter ihnen leise Schritte auf der Veranda knarrten. Lila wagte es nicht, sich umzusehen. Jeder Nerv in ihrem Körper war gespannt, ihre Atmung flach.
Plötzlich hörte sie eine Stimme – tief, fremd, gefährlich nah.
„Ich weiß, dass ihr hier seid.“
Lila hielt den Atem an. Die Worte wurden von der Nacht verschluckt, doch sie hallten in ihrem Kopf wider.
Rafael packte ihre Hand und zog sie weiter. Sie erreichten die dichte Baumgrenze am Rand des Grundstücks und duckten sich in den Schatten der alten Olivenbäume.
Dann sah Lila ihn.
Ein Mann stand vor der Villa. Groß, breitschultrig, mit einem harten Gesicht und einer unheilvollen Ruhe. In seiner Hand hielt er etwas, das in der Dunkelheit aufblitzte – eine Waffe.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Rafael flüsterte: „Wir müssen ihn abhängen.“
***
Sie rannten.
Lila spürte, wie der kalte Wind an ihrer Haut riss, ihre Beine fühlten sich schwer an, aber sie zwang sich weiter. Hinter ihnen ertönte plötzlich ein lautes Geräusch – Schritte, die beschleunigten. Der Fremde hatte sie entdeckt.
„Los, schneller!“ Rafael zog sie mit sich, seine Finger fest um ihr Handgelenk geschlossen.
Äste schlugen ihr ins Gesicht, als sie sich durch das Dickicht zwängten. Ihr Atem brannte in ihrer Lunge, das Adrenalin rauschte durch ihre Adern.
Dann hörte sie es.
Ein Schuss.
Der Schall riss durch die Nacht, ließ Vögel aus den Bäumen aufflattern. Lila stolperte, fiel fast, aber Rafael fing sie auf.
„Alles in Ordnung?“ Seine Stimme war rau, voller Anspannung.
„Ja“, keuchte sie.
Sie konnten nicht stehen bleiben. Nicht jetzt.
***
Der Wald wurde lichter, und Lila erkannte die Lichter des Dorfes in der Ferne. Die engen, verwinkelten Straßen waren ihre einzige Chance, unterzutauchen.
Rafael zog sie in eine schmale Gasse, wo sie sich keuchend gegen eine Hauswand lehnten.
Lila versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. „Wer war das?“
Rafael schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht – aber ich wette, er hat mit meiner Schwester zu tun.“
Seine Hände waren zu Fäusten geballt. „Das bedeutet, dass wir näher an der Wahrheit sind, als sie wollen.“
Lila schluckte. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass es nicht nur um verlorene Erinnerungen ging.
Es ging um Leben und Tod.